Rallye-Reise zur Acropolis nach Griechenland

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Auf nach Griechenland. Rallye-Beifahrer Peter Göbel besuchte die diesjährige Acropolis-Rallye als Zuschauer. Dabei machte er sein ganz eigenes Gebetbuch, das im Rallye-Magazin 08/2005 veröffentlicht wurde. Hier ein Auszug aus dem Reisebericht.

Griechische Imbissbuden unterscheiden sich neben der Speisekarte in einem Punkt ganz besonders von den heimischen: das Personal spricht kein Deutsch. Schon gar nicht im bergigen Hinterland unmittelbar an Wertungsprüfung vier der Akropolis-Rallye. Eher komisch als hilfreich erweist sich gar die Bestellung mit Händen und Füßen. Die Rettung heißt Constandinos Stamopoulos. Der stämmige Grieche aus Atalanti übernimmt die Geschäftsführung. Sekunden später wechseln zwei perfekt gewürzte Souflaki und eine eisgekühlte Cola den Besitzer. Constandinos klärt auf: Fast zehn Jahre habe er in Mannheim gelebt und studiert, ehe es ihn als Physiker zurück in die Heimat zog. Mittlerweile ist er Lehrer in einem kleinen Dorf. Den Nobelpreis, von dem er mal träumte, habe er längst abgeschrieben. Dafür sei das Leben in Griechenland nicht so hektisch, meint er.

Plötzlich endet die nette Unterhaltung und Sebastien Loeb eröffnet mit einem Sprung in die Zuschauermengen den achten Lauf zur Rallye WM. Keine zehn Sekunden später ist er nach einer langen Rechtskurve und gut 300 Metern wieder verschwunden. Constandinos hat sich mit seinen Freunden wie wir abseits von Rallye-Staub und Souflaki-Grillnebel platziert, um die kommenden Teams ausgelassen zu feiern.

Die Akropolis-Rallye 2005 hat begonnen. Und mit ihr ein Stück Abenteuer-Urlaub. Die schönsten und spektakulärsten Schotterpisten der gesamten Weltmeisterschaft sind nicht einmal drei Flugstunden von Deutschland entfernt. Dazu bietet die felsige Landschaft fast überall sichere Standorte inklusive Panoramablick über mehrere 100 Meter Wertungsprüfung. So einmalig die Atmosphäre im Niemandsland der Berge ist, so verwirrend komisch erscheint das Chaos drum herum. Die Parkgewohnheiten im Bereich der Prüfungen gleichen Geschicklichkeitsturnieren. Kleinste Lücken werden ausgenutzt und ab und zu parkt der gemeine Grieche 50 Gleichgesinnte bedenkenlos zu. Später steht auf seiner verdreckten Windschutzscheibe MALÁKAS geschrieben, was dem deutschen Schimpfwort mit A ziemlich nahe kommt.

In Punkto Ordnung lassen hin und wieder auch Imbissbuden zu wünschen übrig. Einige haben ihre besten Jahre längst hinter sich und es wäre kein Wunder, wenn man sie nach der Rallye an Ort und Stelle der Natur überließe. Wir wechseln den Standort und das Treiben geht auf WP 6 munter weiter. Eine viertel Stunde vor dem ersten World Rally Car kreist der Sicherheits-Hubschrauber der Organisatoren über die Köpfe der Fans. Wer zu nah an der Strecke steht, wird im gnadenlosen Tiefflug bis zur Unkenntlichkeit eingesaut. Nur wenn die Angst vor einem möglichen Abbruch der WP zu groß ist, sprintet das versierte Publikum schon beim ersten Rotorenlärm hinter die imaginäre Sicherheitslinie. Je nach Einsicht und Durchhaltevermögen der Fans wiederholt sich das Prozedere, wenn der Heli zur Kontrolle erneut hereinschwebt. Nur bei den ganz Hartnäckigen fühlt sich das Sicherheits-Bodenpersonal angesprochen. Statt dessen platzieren sich die Marshals dank "Safety"-Leibchen vor der Menge, ohne Sichtbehinderung versteht sich. Zum Glück ist die Rallye eher spektakulär als gefährlich schnell.

Nur auf Sebastien Loeb trifft das nicht so ganz zu. Der Franzose geht auf den letzten zwei Prüfungen des Tages in Führung und tritt dafür derart aufs Gas, als wolle er sich selbst schlagen. Genau das gelingt fast zeitgleich der Subaru-Werksmannschaft. Nach der Auftaktprüfung im Athener Olympiastadion unterschritten alle drei Fahrzeuge das erlaubte Mindestgewicht, jetzt verenden in der vorletzten WP wie durch ein Wunder gleich zwei von ihnen mit technischen Defekten. Während die einen darin einen Zusammenhang mit dem Gewichts-Skandal mutmaßen, sind die gestrandeten Autos für die anderen ein willkommenes Fotomotiv zum Abschluss des Tages.

Danach geht es für uns zurück nach Galaxidi, einem bildschönen und zugleich günstig gelegenen Hafenort. Fast 100 Kilometer sind es von hier bis zum Rallyezentrum in Lamia. Doch das nehmen wir gerne in Kauf, denn der Hafenort am Golf von Korinth hat allein schon landschaftlich mehr zu bieten als das Umland von Lamia. Abgesehen davon gibt es hier unmittelbar am Wasser ein paar gute Restaurants und ebenso attraktive Pensionen.

Am zweiten Tag entpuppt sich der Fischerort, der im Reiseführer als einer der ursprünglichsten betitelt wird, sogar als strategisch einwandfrei. Denn bis zum besten Zuschauerpunkt der WP Amfissa sind es gerade einmal 20 Kilometer. Die Links-Rechts-Links-Kombination unmittelbar nach dem Start ist nicht nur für Fans und Fotografen die Erfüllung, auch die Fahrer lieben die sanft geschwungenen Kurven, die in einigen Passagen dem legendären Pikes-Peak Bergrennen ähneln. Auf den ersten 800 Metern drängeln sich in diesem Jahr gut und gerne 5000 Menschen. Wer dem Trubel lieber aus dem Weg gehen will, kann sich mit dem Auto über Nebenwege in die Berge arbeiten. Doch Achtung. Nur spärlich weisen die handgeschriebenen Hinweisschilder den Weg, zudem ist das griechische Kartenmaterial in Sachen Forstwege oft so schlecht wie die Piste selbst. Fünf Kilometer dauern mit dem Leihwagen schnell mal eine halbe Stunde. Wer sich dennoch wagt, hat einen traumhaften Blick über drei Vollgas-Kilometer bis hin zum hellblau schimmernden Meer.

Genau dort kann man bei Bedarf auch die Zeit zwischen dem ersten und zweiten Wertungsprüfungs-Durchgang überbrücken. Wem bei 35 Grad im Schatten der Appetit auf Herzhaftes vergeht, kann stattdessen ins kristallklare Meer hechten. Bei Wassertemperaturen von bis zu 26 Grad hält sich die Abkühlung zwar in Grenzen, doch immerhin löst sich der Staub aus den Haaren, den die Fahrer zuvor mühevoll ins Publikum geschleudert haben. Nur hartgesottene Fans sehnen sich auch beim zweiten Durchgang nach einer Berieselung mit Sand, anstatt mit dem nassen Zeigefinger die Windrichtung zu prüfen. Sie feiern in Amfissa ihre eigene Party und lassen sich derart einnebeln, als hätte es heilende Wirkung.

Harter Einsatz ist auch am dritten Tag gefordert. Bis zur nächst erreichbaren Sonderprüfung sind es mindestens 60 Kilometer, knapp acht davon erneut über einmalig schlechten Schotter. Und weil die wenigen Straßenschilder noch immer Fragen aufwerfen, führt der erste Abstecher ansatzlos ins Nirwana. Trotz Karte. Erst nach vier beinharten Kilometern und der Hoffnung auf ein zweites Leben erreichen wir wieder festen Boden. Akropolis-Besucher, die ihren Zeitplan bisher großzügig ausgelegt hatten, sollten ihre Karenzzeit schlicht verdoppeln. Denn unplanmäßige Umwege führen schnell zu Stimmungschwankungen und wenig später zur Disqualifikation des Beifahrers. Vor allem dann, wenn die WP erst nach den 15 Top-Autos erreicht wird. Ein strenger Zeitplan bei nur vier Prüfungen erlaubt sowieso keine zweite Chance, Sonntagmittag ist die Rallye zu Ende.

Wiedergutmachung verspricht ein Abstecher nach Delphi, eine halbe Autostunde von Galaxidi entfernt. Nicht nur für die Griechen ist Delphi der Nabel der Welt, schließlich gehören die rund 3000 Jahre alten Funde mit dem berühmten Orakel zu den bedeutendsten Ausgrabungen der Antike. Ein Besuch gehört auch für den Rallye-Reisenden zum kulturellen Pflicht-Exkurs. Vor einer beeindruckenden Kulisse inmitten der Berge erwartet die Besucher ein nahezu makellos erhaltenes Amphitheater und eine Sportarena, die sich am höchsten Punkt spektakulär in die Felsen klammert. Wer seine Karenzzeit noch nicht voll ausgenutzt hat, kann hier die Zeit ungestraft vertrödeln. Denn der gemütliche Griechenland-Abschied sollte nicht vor 20 Uhr beginnen, früher gehen auch die Griechen nicht zum Abendessen. Eine gute Adresse ist das Restaurant Liodrivi in Galaxidi, abseits der Touristenmeile. Auch zu später Stunde wird hier noch freundlich serviert, mit etwas Glück sogar auf Deutsch.

Fazit: Mehr als fünf bis sechs Wertungsprüfungen sind bei der Akropolis zwar nicht zu schaffen, doch am Ende hat man rein rechnerisch über 120 WRC-Fahrzeuge gesehen. Im direkten Vergleich muss man dafür mindestens acht DRM-Läufe besuchen, vom erlebnisreichen Griechenland-Trip einmal ganz abgesehen. Falls sich nichts ändert, findet die nächste Akropolis-Rallye übrigens vom 19.-21. Mai 2006 stattfinden. Jássu Hellas.

Der vollständige Bericht mit allen zusätzlichen Reisetipps (Flug, Airlines, Hotels, Mietwagen und Kultur) gibt es übrigens in "Rallye-Das Magazin", Ausgabe 08/2005.


Foto: Peter Göbel